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Management & Strategien | 28.12.2017

„Level für gute Innenarchitektur ist angestiegen“

Fotostrecke Der Barbereich des neuen niu Cobbles in Essen / Foto: JOI-Design

Mit dem niu Cobbles eröffnet in Essen das erste Haus der neuen Lifestylemarke der Novum Hospitality. Zuständiges Design Studio ist JOI-Design aus Hamburg. Isgard Eikmeier und Corinna Kretschmar-Joehnk von JOI-Design erklären im Interview das Konzept des niu Cobbles und sprechen über authentische und individuelle Hotelprodukte heute und in Zukunft. Von Peter Erik Hillenbach   

Hotels wollen zunehmend lokale Gäste ins Haus holen – schafft man das mit lokalen Themen? Anders gefragt: Locke ich Ruhrgebietler mit Ruhrgebietsfolklore an und Nordlichter mit Hafen-Ambiente?

Wenn es gut gemacht ist und sich das Ambiente in die heutige Zeit einfügt, auf jeden Fall: Jeder trägt doch ein bisschen Patriotismus in sich! Es passt allgemein in ein gesellschaftliches Bedürfnis nach dem Wahren, Echten, dem immer Dagewesenen – als Gegenpol zum digitalen Kosmos, in dem wir uns sonst bewegen. Wir leben doch zeitgleich in total verschiedenen Welten, bedienen parallel die unterschiedlichsten Kanäle und wissen daher manchmal gar nicht mehr, wohin wir gehören. Da erdet die Erinnerung an die eigenen Wurzeln und das ist absolut gefragt.  

Vor welche besondere Herausforderung hat Sie das niu Cobbles gestellt?

Wir haben ein zeitgeistiges Themenhotel gestaltet, welches aber eben nicht wirkt wie der Gang ins Museum oder nicht kitschig oder plakativ daherkommt. Authentisch sollte es sein, aber nicht altbacken. Wir finden die Hinwendung zur Historie des Ortes sehr gut, wollten aber auch zeitgemäße Elemente integrieren.  

Haben Sie Einheimische zum Thema Ruhrgebietsfolklore befragt?

Nicht explizit. Wir konnten da aber tatsächlich ein wenig aus Erfahrungen aus familiären Verbindungen schöpfen, um ein paar Insider-Tipps zu erhalten.  

Wie definieren Sie demnach Authentizität? Ist Spielen erlaubt?

Spielen ist immer erlaubt, genauso wie das Abstrahieren und um die Ecke Denken. Authentizität und Individualismus verschmelzen in der heutigen Zeit oft, indem man Neues mit Altem verbindet. Authentizität erreicht man zum Beispiel durch die Echtheit von Produkten und Accessoires, durch die Einbeziehung von Menschen, Meinungen und Einflüssen aus der Nachbarschaft und durch regionale oder lokale Angebote. Wir haben das Konzept bewusst so entwickelt, dass dieser Input spielerisch integriert wird, um dem gesamten Konzept eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen, die dem neuen Hotelprodukt gerecht wird.  

Neue Klientel, neue Wünsche: Wie haben sich Hotelzimmer in Bezug auf die Anforderungen der Digital Natives verändert?

Die Digitalisierung und das Leben mit all diesen Medien sind zur gleichen Zeit ein Segen und ein Fluch. Einerseits wollen die digitalen Nomaden in den Hotels überall freies WLAN, viele Steckdosen, ‚Dockingstations’, ‚Musicstations’ und USB-Anschlüsse. Und andererseits sehnen sie sich gerade wegen dieser dauernden Computerbeschallung auch mal nach dem Offline-Schalter, nach Authentischem zum Auftanken zwischendurch, nach Natürlichem und nach dem Ursprünglichen – weg vom Digitalen, hin zum Analogen. Cleane Future-Welten sind daher in der Innenarchitektur nicht gefragt, sondern Räume mit Seele, die Geschichten erzählen, die es zu ergründen gilt. Gäste von heute erkunden gerne, sie suchen nach ständig neuen Inspirationen – und fotografieren sie schließlich und stellen sie wieder ins Netz. Somit schließt sich der Kreis. Und ein Instagram-Report ist nebenbei besser als jede Hochglanz-Hotelbroschüre.  

Storytellig ist das eine, Selfies knipsen jedoch hoffentlich ein endlicher Trend unserer narzisstischen Gesellschaft. Oder?

Es ist tatsächlich schwer zu sagen, ob dieser Trend irgendwann wieder rückläufig sein wird. In unserer Agentur gehen die Meinungen da auch auseinander: Die jungen Kreativen finden es ganz normal, dass man sein Leben im Netz dokumentiert und so Erfahrungen und Geschichten mit anderen teilt. Sie finden auch, dass das nichts mit Narzissmus zu tun hat, denn letztendlich werden die echten Stories ja von Menschen erlebt und eben auch von ihnen weitergegeben. Man muss für sich selbst entscheiden, wie weit man in solche Trends einsteigt.  

Ist die „multifunktionale Atmosphäre“, die heutzutage offenbar gefragt ist, ein globales Phänomen oder doch eher ein Kennzeichen digitaler Eliten?

Das ist definitiv ein globales Phänomen. Die Digitalisierung nimmt überall zu und sie ist nicht elitär, sie ist die Gegenwart und die Zukunft.  

Keine Grenzen zwischen Momenten und Räumen des Lebens – ist dies das finale Level im großen Hoteldesign- Spiel?

Das Schöne an guten und inspirierenden Konzepten ist, dass sie sich gegenseitig beflügeln. Der gesamte Level und das Bewusstsein für gute Innenarchitektur sind allgemein angestiegen. Design ist wichtiger geworden und ausschlaggebend für ein erfolgreiches Hotelprodukt. Dies bedeutet aber auch gleichzeitig neuen Ansporn, den Level zu halten oder noch einen Schritt weiter zu gehen und besser zu werden.  

„Individualität kommt maßgeschneidert in Serie“, sagt Novum über seine niu-Häuser. Wie definieren Sie bei einem solchen Anforderungsprofil das Individuelle und wie das Serielle? Und: Sind Sie eigentlich für alle niu-Häuser zuständig?

Jedes niu Hotel wird individuell sein – daher spricht man hier ganz richtig von ‚maßgeschneidert’. Die Gesamtheit der neuen Gruppe mit jedem einzelnen Haus, die ja jetzt relativ schnell hintereinander an den Start gehen sollen, macht dann die Serie aus. Wir sind nicht für alle Häuser verantwortlich. Unser Design Studio hat allerdings das allererste niu Produkt entwickelt. Das hat natürlich Standards auch für andere gesetzt. Momentan sitzen wir noch an zwei weiteren niu Projekten.  

Beim niu Cobbles sind Sie für das Brand Development verantwortlich, waren also früh in das Storytelling einer neuen Marke eingebunden. Ist die Tabularasa- Situation der Traum eines jeden Designers?

Wir haben bei den Meetings für die Entwicklung des Konzepts viele verschiedene Köpfe zusammengesteckt, das Endergebnis ist im Team entstanden. Und zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Innenarchitekt und Kunden gehört immer auch ein hohes Maß an Vertrauen. Wir sind froh, dass uns dieses entgegengebracht wurde, aber dennoch passiert das Design bei uns nicht zum Selbstzweck, und Innenarchitektur für ein Hotel ist auch keine freie Kunst. So würden wir nicht von einer Tabula-rasa-Situation sprechen und das auch gar nicht anstreben für unsere Projekte.  

Mit welchen Gewerken kooperieren Sie in diesem Fall? Mit welchen zuerst? Das wäre doch eine sehr lange Liste, wenn wir die hier aufzählen würden. Im Grunde sind es alle unterschiedlichen Disziplinen, die für den Innenraum zuständig sind, also die Hülle aus Boden, Wand, Decke, Beleuchtung, Inventar, Mobiliar, Accessoires ausmachen. Unsere Hauptpartner am Bau sind sicher die Innenausbauer, die dann die von uns entwickelten Details in die Realität umsetzen. Sie fertigen individuell, was wir planen und sagen uns auch, wenn sie Bedenken bei der Umsetzung haben. Je früher man sie mit ins Boot holt, desto besser. Aber auch die Beleuchtung zum Beispiel ist wahnsinnig wichtig für die richtige Atmosphäre im Raum! Und natürlich jeder einzelne Stoff, jede Fliese, auch die Armatur, die Steckdose. Die Summe aus den ganzen unterschiedlichen Einzelteilen macht hinterher das individuelle Erlebnis aus – und so stehen wir bei solch einer Planung mit sehr vielen Gewerken beziehungsweise Lieferanten im intensiven Kontakt.  

JOI-Design steht für detailliertes Design. Möbel, Leuchten, Bad, alles aus einer Hand. Wie schwierig ist es, sich eine Türklinke im Gesamtzusammenhang eines Hauses vorzustellen?

Das ist gar nicht schwer, es gehört dazu! Wir lassen uns bei jedem Projekt aufs Neue ganz auf das jeweilige Thema ein, wir tauchen ein in diese Welt, und da ist es für uns ganz selbstverständlich, dass man jedes Detail unter die Lupe nimmt. Wir sind fest davon überzeugt, dass es später auch die kleinen Entdeckungen sind, die Entdeckungen auf den zweiten Blick, die den Besuch für die Gäste einzigartig machen und ihnen dadurch auch positiv im Gedächtnis bleiben. Das nehmen sie im Herzen mit und erzählen es weiter – eine bessere Publicity für das Hotel gibt es nicht!  

Jokerfrage: Wie lassen sich die Welten der heute Zehn- bis 15-zehnjährigen auf die Anforderungen an das Hotel der Zukunft hochrechnen?

Wir können alle nicht in die Glaskugel schauen, aber wir müssen uns mit den sich ständig ändernden Bedürfnissen der Gesellschaft von heute beschäftigen! Es ist ein Steckenpferd von uns geworden, die Entwicklungen der modernen Großstadtnomaden, also der Kunden unserer Kunden, in den Hotels laufend zu beobachten und darauf mit unserem Design zu antworten. Ein Fakt ist: Es wird digitaler und daher auch multifunktionaler werden. Die Antworten in der Innenarchitektur waren in den letzten Jahren stets unterschiedlich: Aber da stilistisch ja jeder Trend irgendwann wiederkehrt, werden wir uns sicher noch in vielen verschiedenen Welten wiederfinden.

JOI-Design aus Hamburg ist eines der renommiertesten deutschen Design Studios für die Hospitality Branche und hat zahlreiche Design Awards gewonnen. Mehr als 30 Jahre Erfahrung bilden die Basis des Studios: Bereits seit 1984 liegt der Fokus auf der Entwicklung von exklusiven und Designorientierten Konzepten für die internationale Hotellerie. JOI-Design wird von den Geschäftsführern Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk geleitet und zählt ein Team von 40 Mitarbeitern, darunter Innenarchitekten, Architekten, Bau-,Perspektivzeichner und Produktdesigner.

www.joi-design.com


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